commercialism 23. Apr 2001
Wann ist eine Band kommerziell ? Wenn…
- beim neuen Album plötzlich nicht mehr nur die Musik, sondern auch potentielle Käufergruppen beachtet oder gar umworben werden.
- es sich nicht aus prestige- sonder aus finanziellen Gründen lohnen würde sich beim Konzert auf die Gästeliste setzen zu lassen
- sich auf dem cd-case Aufkleber mit Ein-Wort-Zitaten aus mehr oder weniger renommierten Musik-Journallien befinden (“erstaunlich”, “atemberaubend”, “innovativ”)
- beim live Auftritt aus Performancegründen Playback-Gesang eingesetzt wird
- die Türsteher auch nach dem dritten Freiluftgang noch mal den Stempel sehen wollen, weil sie sich die vielen Gesichter einfach nicht merken können
- für die Tour sündhaft teuere Studiomusiker mit geschmacklosen Jacketts und gewöhnungsbedürftigem Humor eingekauft werden
Ist es verwerflich kommerziell zu sein ? Nein. Solange man immer noch großartige Musik macht ist das vollkommen legitim. Es nur leider sehr wenige die dazu imstande sind. Radiohead und Travis können das. LTJ Bukem kann’s auch. Ich bin mir sicher es gibt noch ein paar mehr, aber mengenmäßig sind die wohl deutlich unterrepräsentiert. Warum mich das alles gerade jetzt bewegt ? Ganz einfach. De-Phazz, kuscheliger Lounge Pop aus Heidelberg zusammengestrickt von Pit Baumgartner, sind vom lokalen Indielabel Mole zu Universal Jazz gewechselt und das hat mir für einen Moment Sorgenfalten auf die Stirn getrieben. Aber böse sein darf man ihm deswegen nicht. Der Mann ist schließlich keine zwanzig mehr und hat Frau und Kinder.
yoshinori sunahara 21. Apr 2001
Bungalow schenkt uns diese glaubwürdige Retrospektive auf den Drang nach Exotik in den 70ern. Da gab es ja noch Abenteuer in der “neuen Welt” zu erleben. Nicht so wie heute, wo sich die wahren Abenteuer nur noch im winzig kleinen Maßstab abspielen. Flugreisen zu anderen Kontinenten wurden bezahlbar und eine ganze Welt voller reizvollem Unbekannten tat sich auf. Die Fluggesellschaft die einem damals dorthin bewegte hieß Pan American. Sehr konzeptionell bedacht wandelt man auf einem asiatischen Flughafen und setzt man sich dann in eine Maschine die gen magischem Sonnenuntergang startet. Angekommen in der neuen Welt erwartet einen ein Mix aus funky guitar vereint mit herumschwirrenden samples und plinkernden Harfenklängen. Dieses Arrangement wird dann am Abend in “Discotequebreak” verfeinert und ausgeweitet. Nachmittag. Am Strand scheint einem die Sonne auf die Wangen und das Glitzern auf dem Meer wird vom lockeren Bossa Nova beat der Strandbar umspielt. Man lässt sich durch Tagträume gleiten und erfreut sich an der warmen Brise die durch die Haare weht. Am Abend Funk, Dub und Swing und so heißt es dann auch. Und was kommt nach Rückflug ? Natürlich die Landung. Gefühlvolle Bläser und Flöten wollen einem eben diesen möglichst angenehm bereiten und schaffen das auch. Landeanflug. Aufsetzen. Kurzes Quietschen der Reifen. Applaus. Willkommen Zuhause, zurück von den Abenteuern in der neuen Welt.
homecoming 20. Apr 2001
Jedesmal dasselbe Spiel: An Weihnachten, Ostern oder zu anderen seltenen Anlässen die einen aus der Wahlheimat - zurück in die “echte “locken, wird es voll in der ehemaligen Stammdisco in der man jahrelang Wochenende für Wochenende seine Abende, später Nächte verbrachte. Erfüllt von sentimentalen Erinnerungen erfreuen einen die vielen bekannten Gesichter zunächst - Ehemalige aus der Schule, meist ein oder zwei Klassen höher, Stoff unzähliger Tratschereien, heute nur noch als ,”Studienabbrecher”, “nach-Berlin-Zieher”,”an Diplomarbeit-Schreiber” registriert. Dennoch: man grüsst sich, fühlt sich irgendwie zuhaus, alles so normal-vertraut. Je länger der Abend jedoch, desto bitterer die Erkenntnis, dass die Leute die man wirklich mal wieder gerne getroffen hätte leider doch nicht da sind und man bedauert sich dieses oberflächliche “Abchecken”, den langweiligen Smalltalk und die abschätzenden Blicke sich wieder einmal angetan zu haben. Sollte eigentlich Konsequenzen für’s nächste Mal Heimaturlaub haben. Tut es aber nicht.
make money fast 18. Apr 2001
Nachmittags in der Bank meines Vertrauens. Ich stehe geduldig wartend, mit Höflichkeitsabstand vor dem besetzten Schalter. Außer mir ist nur die Kassiererin und deren Kunde in der Provinzstadtfiliale anwesend. Der Kunde ist Mitte Vierzig und für einen Mann eher klein. Die Kassiererin hat wohl vor nicht allzu langer Zeit ihre Azubizeit hinter sich gebracht. Der Mann hat sich mit seinen Ellbogen auf die Theke des Bankschalters gestützt und spricht in einem leisen Nuschelton mit seinem Gegenüber. Diese horcht erst aufmerksam und greift dann im Laufe seiner Ausführungen verdutzt zum Telefonhörer. Vom Tonfall her ein Gespräch mit einem Kollegen. Nachdem sie den Hörer wieder auf die Halterung gelegt hat zieht der Mann einen großen, bräunlichen Umschlag aus seiner Jackentasche und legt diesen bestimmt auf die Thekenfläche. “Ich kann Ihnen zur Zeit 25.000 DM in Bar auszahlen, wenn es Ihnen recht ist.” Der Mann nickt bestimmt. “Das dauert aus Sicherheitsgründen aber drei Minuten, nehmen sie bitte für einen Moment Platz”. Der Mann tritt zur Seite und die Kassiererin winkt mich zu sich. Ich bin schnell fertig, stehe draußen vor dem Bankgebäude und grüble. Dieser Typ will doch allen ernstes fünf-und-zwanzig-tausend-mark in bar abheben und diese dann in dem Papierumschlag durch die Innenstadt spazieren führen ? Was ist das für ein Kerl, ein Drogendealer oder einfach ein Dorftrottel ? Zwei Minuten später kommt er tatsächlich mit besagtem Umschlag locker unter dem rechten Arm geklemmt aus der Bank geschlendert. Ich spiele mal kurz in Gedanken durch was für Investitionen einem dieser Geldbetrag ermöglichen würde. Schade denk ich mir, dass meine kriminellen Energien nur zum Schwarzfahren und Blumenklau reichen.
wechsel garland 16. Apr 2001
“Die Musik war in ihrer Urfassung eine Auftragsarbeit für Choreographin Gabrielle Steigner und wurde unter dem Namen ‘This very Moment’ (…) uraufgeführt.” Diese Aufschrift durchlesen und dann die Platte anhören und beim erhaschen einer musikalischen Bewegung diese dann sogleich versuchen auf eine imaginäre Tanzbühne zu transponieren. Oder doch anders. In den ersten Rillen schwirren winzige Partikel um einen schwachen Lichtpunkt umher, während eine flauschige, weiße Katze schnurrend ihr weiches Fell an deiner Hand vorbeistreichen lässt. Draußen fällt milder Frühlingsregen der auf den Seerosenblättern eines kleinen Dorfteichs abperlt. Eine liebliche Frauenstimme weißt Dir sodann loopend den Weg. Es wird gezupft, gestrichen und leise auf Tasten geklopft, wobei die musikalischen Stränge nie schlicht übereinander geschichtet, sondern stets elegant ineinander verwoben und überführt werden. Die Rückseite fängt mit mehr Bewegung an, bleibt aber zuerst vorsichtig und zurückhaltend und wird erst im Verlauf verspielter und freier. Das balladeske “wirklicher” möchte man als besinnlichen Moment begreifen. Hin und wieder sind vereinzelte Echos der Vorderseite zu finden. Der Kreis beginnt sich zu schließen. Ein großer befreiender Übergangsmoment in “ohne Stern”. Den möchte man am liebsten immer wieder zum ersten Mal hören. Der Ausklang besitzt fast schon Pop-Appeal, bleibt jedoch den Motiven der Platte treu. Empfehlung.